Von Sizilien nach Argentinien:Die Geschichte von Mary!
- katharinaaronis

- 19. Okt. 2025
- 9 Min. Lesezeit

„Li ciuri su beddi” – begrüßt mich Mary auf sizilianisch!
Es ist ein sonniger Herbsttag in Buenos Aires, Mary sitzt in ihrem Garten und wartet auf meinen Anruf aus Deutschland. Wir haben uns heute verabredet, weil sie mir die Geschichte ihrer Familie erzählen will, die von Sizilien nach Argentinien ausgwandert ist als Mary 5 Jahre alt war. „Die Blumen sind schön“, erklärt sie mir auf Spanisch, und man merkt sofort, dass die Verbindung zu Sizilien noch stark ist. Wir kennen uns seit zehn Jahren, seit ich in Buenos Aires studiert habe, und ich freue mich sehr, dass sie bereit ist, ihre Geschichte mit mir zu teilen.
Wie viele sizilianische und italienische Familien wanderte auch die Familie Lombardo Agliano nach dem Zweiten Weltkrieg mit der Hoffnung auf ein besseres Leben im Ausland aus.
In Argentinien hatte sich bereits seit der ersten Auswaderungswelle Ende des 19. Jahrhunderts eine italienische Gemeinschaft gebildet, was das Land für viele Italiener sehr attraktiv machte.
Wie Mary uns erzählen wird, wurde das Schicksal ihrer Familie – wie das so vieler Italiener – geprägt vom Wunsch, ein neues Leben zu beginnen, gleichzeitig jedoch auch vom Schmerz der Trennung von der Familie und von der tiefen Hoffnung, eines Tages in die Heimat zurückkehren zu können.
DIE AUSWANDERUNG
Danke, Mary, dass du dir die Zeit genommen hast, mir heute deine Familiengeschichte zu erzählen. Wie kam deine Familie nach Argentinien?
Mary: Danke, Katha. Ich freue mich, dass du mich angerufen hast, um mehr über meine Geschichte zu erfahren. Als du gefragt hast, ob ich darüber sprechen möchte, habe ich kurz nachgedacht und dann Ja gesagt, weil es auch für mich schön ist, all diese Erinnerungen wieder aufleben zu lassen. Mein Vater war in der Armee, als der Zweite Weltkrieg begann, also musste er den ganzen Krieg über dienen. Ich wurde am 10. September 1943 geboren, also mitten im Krieg. Als der Krieg vorbei war, sprach man schon von einem Dritten Weltkrieg, was meinem Vater große Angst machte. Und da wir bereits Verwandte in Argentinien hatten, beschlossen meine Eltern, Sizilien zu verlassen. Zuerst ging mein Vater allein nach Tucumán, in den Norden Argentiniens, wo wir schon einige Leute kannten, arbeitete dort zwei Jahre lang, sparte Geld und holte dann meine Mutter und mich nach. Tucumán war damals wegen des Zuckeranbaus eine sehr reiche Region, was damals viele Menschen anzog, die Arbeit suchten. Weißt du, wenn man damals arbeitete, konnte man sich sein eigenes Haus leisten und ein normales Leben führen. Mit diesem Optimismus verließen viele Italiener das Land, und so erinnere auch ich mich an diese Zeit.
Wie war der Abschied aus Sizilien und die Reise nach Argentinien?
Mary: Sizilien zu verlassen war für meine Mutter sehr schmerzhaft! Wenn man damals sein Land verließ, wusste man nicht, ob man je zurückkehren würde, wo man landen würde oder was einen dort erwarten würde.
Ich erinnere mich nicht mehr genau an den Abschied, aber ich weiß noch, dass ich meinen Großvater nicht verlassen wollte, weil ich ihn sehr lieb gehabt habe. Traurigerweise ist er drei Monate nach unserer Auswanderung gestorben – aus Kummer.
Meine Mutter und ich sind von Palermo, wo wir wohnten,mit dem Schiff nach Neapel gefahren und dann weiter nach Genua. Genua und Neapel waren die wichtigsten Häfen, von denen aus die Auswandererschiffe ablegten. Von Genua aus verließen wir schließlich Italien in Richtung Buenos Aires. Die Reise dauerte insgesamt 22 Tage, davon waren wir 18 Tage auf See wobei wir in Las Palmas, Rio de Janeiro, Santos in Brasilien und dann noch in Montevideo hielten, bevor wir am 29. September 1948 in Buenos Aires ankamen.
Ich kann dir sagen, die Reise war nicht besonders angenehm.
Wir reisten in der dritten Klasse und schliefen in Kabinen mit Etagenbetten. Zum Glück hatte ich das obere Etagenebett bekommen, denn wenn starker Seegang war wurde es den Leuten in der Nacht schlecht. Das Schiff mit dem wir unterwegs waren, hieß Paolo Toscanelli, ein Frachtschiff, das wegen der Maßen an Auswanderern teils umgebaut wurde um auch Passagiere zu transportieren. Mein Mann hat es in den vergangenen Tage sogar gegoogelt und herausgefunden, dass ich auf der ersten Fahrt des Schiffes nach Buenos Aires mitgereist bin und dass es 1973 verschrottet wurde.
Eine schöne Erinnerung habe ich aber an die Reise: Als wir in Las Palmas ankamen, kaufte meine Mutter mir eine Puppe, die aussah als wäre sie aus Porzelan und wegen der ich von den anderen Kindern in Tucumán sehr beneidet wurde (du weißt ja, wie Kinder so sind – lacht).

Stimmt es, dass dein Name „argentinisiert“ wurde, als du in Argentinien angekommen bist?
Mary: Ja! Mein Name ist María Concetta, aber alle nennen mich Mary. Als wir in Argentinien ankamen, gaben sie mir die spanische Version von Concetta, nämlich Concepción. Du kannst dir nicht vorstellen, wie sehr ich diesen Namen gehasst habe. Concetta ist in Sizilien ein sehr häufiger Name, aber Concepción war in Argentinien überhaupt nicht gebräuchlich – deshalb fühlte er sich für mich irgendwie fremd an.
EIN NEUES LEBEN IN ARGENTINIEN
Wie hat sich euer Leben in Tucumán entwickelt? Was haben deine Eltern gemacht?
Mary: Heute klingt das vielleicht seltsam, aber mein Vater arbeitete in Argentinien zunächst als Tierarzt – obwohl er keiner war! Ich weiß nicht, woher er in Italien Tiermedizin-Bücher bekommen hat, aber er brachte sie mit auf die Reise. Er hat diese Bücher studiert und dann auf dem Land mit Pferden gearbeitet. Stell dir vor, damals gab es nicht viel. Einen Tierarzt oder andere Dienstleistungen, die heute ganz normal sind, hatte man damals nicht. Also lief es für ihn eine Zeit lang sehr gut. Er arbeitete zwei Jahre lang, und mit dem Geld, das er sparte, konnte er meine Mutter und mich nachholen.
Als meine Mutter und ich in Argentinien ankamen hatten wir übrigens etwas sehr wichtiges dabei. Nämlich das Akkordeon meines Vaters – ein ganz besonderes, denn es war ein Theater-Akkordeon. Im Theater in Tucumán fehlte eines, und so konnte es mein Vater dem Theater verkaufen und mit dem Geld hat er ein Stück Land gekauft auf dem er dann unser Haus gebaut hat.
Nach einiger Zeit wurde meine Schwester Rosa Ana geboren, und meine Eltern eröffneten ein Kurzwarengeschäft. Das lief sehr gut, denn damals haben die Leute alle noch selbst genäht.
Für meine Mutter aber war es aber sehr schwer, sich an das neue Leben in Argentinien zu gewöhnen.Das Wetter gefiel ihr nicht besonders, mit den Leuten kam sie anfangs noch nicht klar, und auch das Essen schmeckte ihr nicht sonderlich. Anfangs gab es nicht einmal Mehl. Die argentinische Regierung schickte damals das ganze Mehl nach Europa, sodass für die Menschen in Argentinien nichts mehr übrig blieb und so machten wir unser Brot aus Weizenkleie.
Zu allem Übel kam zu Beginn auch noch eine Heuschreckenplage dazu. Ich erzähle dir mal eine Anekdote: Eines Tages, bei Sonnenschein meinte meine Mutter den Regen auf dem Dach zu hören und wunderte sich, dass es bei strahlendem Sonnenschein regnete. Allerdings waren das die Heuschrecken auf unserem Dach. Sie waren überall und bis wir verstanden hatten was genau los war hörten wir schon die Flugzeuge über unserem Haus, die bereits zu sprühen angefangen hatten. Meine Mutter sagte dann nur: „Was für ein seltsames Land.“
Ich glaube, sie hat sich nie ganz davon erholt, dass sie Sizilien verlassen musste. Aber sie ließ auch den Kopf nicht hängen, war fleissig und arbeitete nebenbei noch als Näherin für eine wohlhabende italienische Familie, die im Früchtegroßhandel tätig war. Das war für uns nicht schlecht, denn sie verstand sich mit ihnen sehr gut und so bekamen wir öfter gute Lebensmittel und Früchte vom Markt.

Wie wichtig war die italienische Küche bei euch zuhause?
Mary:Natürlich sehr wichtig! Du darfst nicht vergessen, dass es damals nicht viel gab. Aber mit dem was man hatte, machte meine Mutter die Nudeln selbst, kochte alle möglichen Soßen und besonders beliebt war damals die schiacciata,eine Art focaccia-frag mal deinen Freund, der kennt das bestimmt aus Kalabrien. Die schiacciata haben wir also beliebig belegt und im Ofen zubereitet. Ich erinnere mich noch gut, dass mir der Belag mit salsiccia, Kartoffeln und Zwiebeln gut schmeckte.
Eingekauft haben wir übrigens damals im Laden um Ecke, und auch nur das, was wir wirklich gebraucht haben. Den ganzen Verpackungsmüll, den wir heute haben, gab es damals nicht. Unter der Woche ging ein Hähnchenverkäufer mit lebenden Hühnern durch unser Viertel und wir konnten uns die aussuchten, die uns am besten gefiel (lacht). Natürlich musste man das Huhn dann selbst auseinander nehmen und weiterverwerten. Auch an den Geschmack der Milch kann ich mich noch erinnern, die schmeckte nämlich als ich jung war noch richtig gut und hatte eine Schicht Butter ganz oben-leider ist das heute alles industrialisiert. Auch der Milchmann ging durchs Viertel und so hatten wir auch immer frische Milch.
Eine besonders schöne Erinnerung für mich ist die Weihnachtszeit. Wie du aus Kalabrien weißt, ist für uns Italiener das panettone ein fester Bestandteil der Weihnachtsvorbereitung. Sowas wie Weihnachtsgeschenke gab es früher nicht, und so machte sich meine Mutter immer die Arbeit kleine panettone zu backen, die sie an Freunde und Verwandte verteilte. Mein Schwester und ich durften immer mithelfen.
Ihr hattet auch eine spezielle Weise das panettone zu verpacken, richtig?
Mary: Allerdings! Damals wurde das Öl, das man zum kochen verwendete in 5 Liter Blechkanistern verkauft. Diese Kanister haben wir über das Jahr gesammelt und zur Weihnachtszeit für die panettone verwendet in dem wir sie aufgeschnitten haben und den Boden als Basis für den panettone-Teig verwendeten, der dann dort drin aufging. Meine Schwester und ich musste die Kanister immer einfetten, Mama hat dann den Teig und die Trockenfrüchte reingegossen. An diese gemeinsame Zeit in der Küche mit meiner Mutter und meiner Schwester denke ich auch heute noch gerne zurück.
Wann bist du eigentlich das erste Mal wieder zurück nach Italien gekommen?
Mary:Also da war ich 18 Jahre alt! Meine Eltern wollten nämlich, dass ich mir in Italien einen Ehemann suche (lacht). Wie du weißt, hat man früher jung geheiratet.
Also bist du zurück zu deiner Familie nach Palermo?
Mary: Aber nein! Ich habe mir eine Arbeit in einem Hotel in Lido di Jesolo gesucht und hab mein Leben gelebt (sie sagt das mit einem großen Grinsen im Gesicht). Du kennst mich ja, ich hab immer schon irgenwie das getan was ich wollte. Diese Zeit war für mich sehr prägend, weil ich viel darüber gelernt habe, was es bedeutet seinen eigenen Weg zu gehen und unabhängig zu sein. Meine Familie in Palermo hat das nicht ganz verstanden. Sie haben sich Sorgen um mich gemacht und wollten, dass ich zu ihnen nach Sizilien komme bis meine Mama dann einen Brief geschrieben hat und sie etwas beruhigen konnte. Meine Mutter wollte zwar, dass ich heirate, aber sie war auch immer fortschrittlich und hatte Verständnis für den Freiraum, den ich gebraucht habe.
Also hast du deinen Ehemann nicht in Italien kennengelernt?
Mary: Nein, wir haben uns auf einer Faschingsfeier kennengelernt kurz nachdem ich zurück nach Argentinien gekommen bin. Die zwei Jahre in Italien waren schön, aber ich hatte damals nicht das Gefühl am richtigen Ort zu sein und entschloss mich zurückzugehen. Mein Mann war auch kein Italiener, sondern stammte aus einer deutsch-österreichischen Familie, die zuhause natürlich nur Deutsch sprach. Mein Mann lernte Spanisch erst in der Schule und ich denke auch heute spricht er Deutsch besser als Spanisch.
Wie kamen denn eine deutsche und eine italienische Einwandererfamilie damals zu recht?
Mary: Eigentlich ganz gut! Mein Freundeskreis bestand quasi nur aus Sizilianern, aber unsere Familien haben sich trotz unterschiedlicher Mentalitäten gut verstanden. Im Prinzip kann ich mich nicht beschweren, ich hatte schon recht viel Glück :-)
SIZILIEN IST FÜR IMMER IN IHREM HERZEN GEBLIEBEN
Heute gehören deine Kinder zur dritten Generation von Italienern in Argentinien. Wie fühlen sie sich – und wie fühlst du dich? Als Sizilianerin oder als Argentinierin?
Mary:Meine Kinder, Ludovico und Leopoldo, fühlen sich als Argentinier – sie sind hier geboren und sprechen kein Italienisch, sondern Deutsch-die Muttersprache meines Mannes. Hast du gesehen, dass ich ihnen keine traditionellen Familiennamen gegeben habe? Ich heiße ja schon Concetta, wie meine Mutter, und meine Schwester Rosa Ana, wie unsere Großmutter und Tante – das hat mir gereicht.(lacht)
Aber ich selbst fühle mich immer noch als Sizilianerin. Natürlich habe ich mich mit den Jahren an Argentinien gewöhnt aber in meinem Kopf und in meinem Herzen bin ich Sizilianerin geblieben.
Trotz der anfänglichen Schwierigkeiten habe ich ein gutes Leben in Argentinien gehabt. Aber ich kann dir sagen, dass ich immer Heimweh nach Sizilien hatte – als würde mir etwas fehlen. Ich kann das nicht besser erklären. Es ist ein Gefühl, das meine ganze Familie in sich getragen hat… wie ein Schleier der Traurigkeit.

Ich entnehme deiner Schilderung, dass die Verbindung zu Sizilien also immer eng war?
Mary:IMMER! Am Anfang haben wir uns Briefe geschrieben, ich muss mal nachschauen wo die sind, dann zeige ich sie dir gern. Hin-und her zu fliegen so wie das heute möglich ist, ging natürlich früher nicht, aber ich habe eine enge Bindung zu meiner Familie. Meine Cousins leben heute noch in Siracusa und in Piacenza und wenn ich nach Europa fliegen treffen wir uns in Sizilien. Den sizilianischen Dialekt haben wir in Argentinien übrigens auch gepflegt. Als du mich vorhin angerufen hast habe ich ja auch statt "i fiori sono belli"-die Blumen sind schön auf italienisch- "i ciurri su beddri"gesagt. Ich dachte mir das verstehst du bestimmt, weil Sizilianisch dem Kalabresischen sehr ähnlich ist.
Stimmt, das hab ich auch gleich verstanden. In Kalabrien würde man wahrscheinlich
"i Iuri su beddri" sagen 😊 Wann warst du das letzte Mal in Sizilien?
Mary: Dieses Jahr leider nicht. Mit 82 Jahren fällt es mir immer schwerer so ein lange Reise auf mich zu nehmen aber ich hoffe, dass ich nächstes Jahr wieder fliegen kann.
Liebe Mary, ich möchte mich ganz herzlich bedanken, dass du dir Zeit für mich genommen hast. Mich hat deine Geschichte sehr berührt und ich freue mich, dass ich sie aufschreiben konnte und sie so ein Stück weit bewahren konnte.
Ich danke dir,Katha! Meine Geschichte ist eine von vielen aber ich hoffe ich konnte einen kleinen Beitrag leisten, dass das Schicksal so vieler Auswanderer nicht vergessen wird. Ich hoffe wir sehen uns nächstes Jahr! Sei es in Sizilien, Deutschland oder Argentinien!


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