Fiumifreddo Bruzio-Ein Dorf, das leben will
- katharinaaronis

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Seit ich in Kalabrien bin, begleitet mich ein Reiseführer, in dem ich von einem Projekt gelesen habe, das eine Art Slow Tourism in Fiumifreddo Bruzio etablieren möchte. Da ich natürlich neugierig bin und mich für Möglichkeiten interessiere, welche Aktivitäten hier in Kalabrien etwas voranbringen können, habe ich mich auf den Weg gemacht und Maria Teresa kennengelernt. Sie betreibt zusammen mit anderen jungen Leuten das Projekt "Borgo di Fiume" und hat mir alles darüber erzählt. Vor allem aber habe ich ihren Enthusiasmus und ihren starken Glauben daran gespürt, dass die Menschen in den Dörfern bleiben sollten, um sie am Leben zu erhalten.

Maria Teresa, du bist eine junge Kalabresin, die – wie viele andere – erst einmal Kalabrien verlassen hat. Warum bist du zurückgekehrt?
Ich bin, wie fast alle, mit der Vorstellung aufgewachsen, dass es hier keine Zukunft für mich gibt. Ich habe Fremdsprachen und Literatur studiert und einige Jahre für Unternehmen der Branche gearbeitet. Trotzdem hatte ich das Gefühl, dass das nicht mein Platz in der Welt war. Ich stand morgens mit einem schweren Herzen auf. Als Andrea, ein Junge aus meinem Dorf, mich anrief und fragte, ob ich zurückkommen und hier im Projekt arbeiten wolle (weil ich viele Sprachen spreche), habe ich sofort Ja gesagt. Ich habe nicht einmal darüber nachgedacht.
Hier sind wir fast im Herzen des Projekts „Borgo di Fiume“. Was ist euer Ziel?
Also, Borgo di Fiume ist ein Projekt, das mehrere Bereiche umfasst: ein Restaurant mit regionalen Produkten aus der Umgebung, „Il Convivio“, die „Enolibrobirreria“, die „Residenza d’Epoca“ – ein renovierter historischer Palazzo, in dem man traditionell übernachten kann –, den kleinen Lebensmittelladen auf dem Dorfplatz und das Projekt „Casa di Rosa“.
Alles entstand aus der Initiative von Doktor Leuzzi, der als Kind hier seine Ferien verbrachte. Seine Familie stammte ursprünglich aus dem Aspromonte-Gebirge und hatte ein Haus am Meer gekauft. Die Liebe zu diesem Ort blieb ihm jedoch auch als Erwachsener erhalten, und um diesem Ort, den er so sehr liebte, etwas zurückzugeben, beschloss er, eine Arztpraxis zur Prävention von Brustkrebs zu eröffnen.
Das Projekt wird durch Zimmer ergänzt, in denen Frauen untergebracht werden können, die sich hier in Fiumifreddo untersuchen lassen. Die Frauen erhalten zudem psychologische und ernährungsbezogene Unterstützung, um ihre Krankheit besser bewältigen zu können-zudem bieten wir inzwischen auch Yoga Kurse an. Das gesamte Projekt dreht sich also um das Konzept von Wohlbefinden und Gesundheit: Im „Convivio“, wo wir gerade sind, bieten wir zum Beispiel ausschließlich regionale Produkte aus der Umgebung an – in Zusammenarbeit mit lokalen Bauern. Also nur gesundes Essen (keine Coca-Cola usw.), denn gut zu essen bedeutet, gut zu leben. Es ist ein Projekt, das die Lebensqualität im Dorf verbessern, die Ressourcen des Landes nutzen und die Menschen dazu anregen soll, auf sich selbst zu achten.

Ein Slow Tourism, wie man heute sagt … wer kommt nach Fiumifreddo?
Genau! Wir wollen nicht den klassischen Strandtourismus, den es unten an der Küste gibt. Wer hier ins Dorf kommt, sucht Ruhe. Wir haben viele deutsche, schweizerische und auch amerikanische Touristen, die drei Monate bleiben, weit weg vom Stadtleben.
„Casa di Rosa“, unser Projekt zur Prävention von Brustkrebs, bietet kalabrischen Frauen kostenlose Untersuchungen an; deshalb kommen sie oft auch mit ihren Familien. Das ist ebenfalls eine Art von Tourismus, die dem Dorf hilft und neues Leben hineinbringt.
Was würdest du jungen Menschen sagen, die weggehen wollen?
Dass sie bleiben sollen. Hier kann man sich jeden Tag neu erfinden! Wir werden vielleicht nicht reich, aber wir sind glücklich. Und wir haben schon einmal Glück, weil zumindest die wichtigsten Dienstleistungen im Dorf geblieben sind: die Post, die Apotheke, der Lebensmittelladen. Das ist nicht in allen Dörfern so.

Heute haben wir drei Restaurants, alle von jungen Leuten geführt, und zwei Bars, ebenfalls von jungen Menschen betrieben. Jeden Tag kommt der Postbote mindestens fünfmal ins Dorf, um irgendwelche Online-Bestellungen zu liefern – also gibt es durchaus Nachfrage von den Leuten, die im Dorf aber nicht gestillt werden kann. Wir sollten Geschäfte eröffnen und den Menschen das anbieten, was sie brauchen – ohne Angst! Und wir sind auch nicht so arm, wie man uns hier in Kalabrien glauben machen will. Viele von uns haben Häuser oder Grundstücke geerbt: Es gibt also etwas, worauf man aufbauen kann.
Also denkst du, dass man Mut braucht, um zu bleiben?
Natürlich! Ich kenne viele Menschen, die sich anstrengen, um in Kalabrien leben zu können. Ein junger Mann in Catanzaro hat ein Stück Land geerbt, das er bewirtschaftet, und gibt Kurse über den Anbau regionaler Produkte. Die Leute kommen inzwischen von überall her, um etwas bei ihm zu lernen und das mit Urlaub zu verbinden.
Dann kenne ich noch eine Deutsche, die hierhergezogen ist und von zu Hause aus als Reiseveranstalterin arbeitet. Man braucht Eigeninitiative und Ideen! Ich erinnere mich noch, als ich jung war und Freunde mit ins Dorf brachte: Alle haben sich sofort in Fiumifreddo verliebt! Und sie sagten zu mir: „Wie kann es sein, dass es hier kein Hotel zum Übernachten und kein Restaurant zum Essen gibt?“ Zu Recht – es gab nichts. Aber es ist leicht zu sagen, dass es hier nichts gibt, und anderen die Schuld zu geben, wenn wir doch selbst als junge Menschen weggegangen sind.
Gibt es andere Dörfer, mit denen ihr zusammenarbeitet?
Ja, ganz in der Nähe entwickelt sich auch Belmonte Calabro. Man braucht Offenheit, denn wer hierherkommt, schätzt die ganze Gegend als Einheit. Deshalb empfehlen wir gerne auch die Angebote und Dienstleistungen in Belmonte und arbeiten gut zusammen.
Vielen Dank, Maria Teresa, wirklich: Das war ein sehr inspirierendes Gespräch. Wir sehen uns das nächste Mal in Fiumefreddo, und ich freue mich schon darauf, die anderen jungen Leute des Projekts kennenzulernen.
Terasse, Zimmer und Frühstücksraum der "Residenza d´Epoca"










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