top of page

Das „Kafeneion“ von Lakka-Hier ist die traditionelle Seele des Dorfes zuhause

Es ist früher Abend in unserem Dorf Lakka auf unserer kleinen ionischen Insel Paxos. Die Restaurants und Läden öffnen so langsam, um die hungrigen Touristen zu empfangen, die früh essen möchten, um danach noch durch das Dorf zu flanieren, sich ein Eis zu gönnen oder am Meer einen Drink zu nehmen. Diese Zeit mag ich besonders, um mich ins Kafeneion zu setzen und das Treiben zu beobachten. Doch was ist das Kafeneion genau, und warum gibt es hier im Dorf nun schon seit über 70 Jahren? Bald kommt Akis, der Besitzer, der mir mehr über diesen besonderen Ort erzählen will, an dem das griechische Gemeinschaftsgefühl seit 1955 Tradition hat.


Mit Akis vor "seinem" Kafeneion in Lakka, Paxos.
Mit Akis vor "seinem" Kafeneion in Lakka, Paxos.

Das Wort „Kafeneion“, umgangssprachlich auch „Kafenés“, stammt vom türkischen „Kahvehane“ und bezeichnet ursprünglich einen Ort, an dem Kaffee geröstet und verkauft wird. Soweit, so gut. Allerdings ist das Kafeneion für uns Griechen viel mehr als nur ein Ort zum Kaffeetrinken. Es ist das Herzstück jedes Dorfes, der Treffpunkt jeder Nachbarschaft und der wichtigste Ort, an dem sich einst das gesellschaftliche Leben abspielte.


Das Herz von Lakka


„Es ist der Ort der Freude und der Trauer“, erklärt mir Akis. So fanden hier früher zum Beispiel Hochzeiten statt, und sonntags nach der Messe sowie nach Beerdigungen geht man auch heute noch auf einen griechischen Kaffee ins Kafeneion.

„Auch ich habe hier geheiratet“, erzählt mir Stavros, der mit einem Glas Wein am Nachbartisch sitzt und unserem Gespräch zuhört. „Wir haben damals alle zu Hause gekocht, jeder hat etwas zu essen mitgebracht, und hier im Kafeneion haben wir dann gefeiert.“

Akis fügt hinzu: „Und ich erinnere mich noch an die kleinen Kinder, die die ganze Woche auf den Sonntag gewartet haben, weil sie wussten, dass sie nach der Kirche hier im Kafeneion ein Stück Süßes bekommen.“

Auch ich kenne das Kafeneion so aus meiner Kindheit. Mein Opa hatte ein Fischerboot und kam regelmäßig ins Dorf, um aufs Meer hinauszufahren oder etwas zu erledigen. Er machte oft im Kafeneion Halt, um einen Kaffee oder einen Ouzo zu trinken, sich zu unterhalten und anschließend wieder nach Hause zu gehen.


Die Seele des Kafeneion sind die Menschen,die hier zusammenkommen. Kurz vor dem Mittagessen gibt es Wein und einen kleinen Appetitanreger-den Meze.
Die Seele des Kafeneion sind die Menschen,die hier zusammenkommen. Kurz vor dem Mittagessen gibt es Wein und einen kleinen Appetitanreger-den Meze.

Das Kafeneion im Wandel der Zeit


Allerdings hat sich das Kafeneion im Laufe der Jahrzehnte verändert. Anfangs gab es hier nur Ouzo, griechischen Kaffee, Cognac und typische Süßigkeiten wie Baklava und Kataifi. Das war zu der Zeit, als die Menschen auf Paxos noch von der Olivenernte lebten. Damals war alles noch etwas ursprünglicher.

„Anfang der 70er-Jahre kamen die ersten Touristen, und das Leben auf der Insel hat sich verändert. Von den sieben Kafeneia, die wir hier in Lakka hatten, ist nur unseres übrig geblieben“, sagt mir Akis.

Die Menschen leben heute vom Tourismus und haben Restaurants, Läden und Unterkünfte eröffnet. So hat sich auch das Angebot im Kafeneion den touristischen Bedürfnissen etwas angepasst. Zum Beispiel gibt es inzwischen Frühstück. Allerdings nur traditionelle Speisen, erklärt mir Akis: gekochte Eier oder griechischen Joghurt mit Honig und Früchten.

„Ich möchte das Kafeneion traditionell halten.“

Und es hat seinen traditionellen Sinn für Gemeinschaft bewahrt. Man trifft hier immer jemanden, den man kennt, der sich zu einem setzt oder einen auf einen Kaffee einlädt. Teilen ist hier wichtig. Mal lädt man ein, mal wird man eingeladen. Gemeinschaft und Austausch werden hier großgeschrieben.


Von links: Die typische Bar des Kafeneion. Ursprünglich gab es hier hautpsächlich Cognac. Alte Stühle und Tische prägen das Innenleben.

Die wichtigste Anlaufstelle im Dorf


Die Kafeneia verbreiteten sich Ende des 18. Jahrhunderts, als ein großer Teil Griechenlands noch unter osmanischer Herrschaft stand. Hier wurde traditionell türkischer Kaffee geröstet, verkauft und getrunken – jener Kaffee, der nach dem Zweiten Weltkrieg in „griechischen Kaffee“ umbenannt wurde.

Nachdem Griechenland unabhängig geworden war und sich zum Königreich entwickelt hatte, verbreiteten sich die Kafeneia weiter. Sie wurden zum Zentrum des gesellschaftlichen Lebens.

Auch in Lakka erfüllte das Kafeneion zahlreiche weitere wichtige Funktionen. Es diente als Postannahmestelle, Renten wurden hier ausgezahlt, und als das Telefon Einzug hielt, musste man zunächst im Kafeneion anrufen, um verbunden zu werden. Natürlich wurde hier auch Karten gespielt.

„Wir mussten der Polizei für jeden Tisch, an dem gespielt wurde, eine Art Spielsteuer zahlen. Außerdem gab es einen abgeschotteten Bereich, in dem man ungestört spielen konnte.“

Natürlich durften auch Feiern und Tanzabende mit Live-Musik nicht fehlen, die oft spontan organisiert wurden. Ein Highlight im Dorf waren sicherlich auch die Filmabende, die hier einmal in der Woche stattfanden.

Damianos Veronikis kaufte Filme und zeigte sie in jedem Dorf. Die Besucher zahlten einen freiwilligen Eintritt, und wenn Damianos an einem Abend genügend verdiente, gab er dem Kafeneion einen kleinen Anteil für den Strom.Als es dann ab 1967 Strom in Lakka gab, änderte sich auch dies. Davor wurde noch mit Öllampen beleuchtet, und Damianos nutzte einen Stromgenerator für seine Filme und Lautsprecher.

Von links: Akis Vater, Spiros, führte viele Jahre bis zu seinem Tod das Kafeneion. Hier hängen Bilder, Zeichnungen, Landkarten und alte Preistabellen.

Wie geht es mit dem Kafeneion in Lakka weiter?


Für mich hat das Kafeneion etwas Vertrautes, etwas Altes – im positiven Sinne. Denn es war einfach immer da. So, wie es früher war, ist es im Grunde auch heute noch. An der Inneneinrichtung wird nämlich kaum etwas verändert. Die alten Strohstühle, ausgewetzten Tische und Fotos vergangener Zeiten sind immer noch da. Rustikal und einfach. Mehr braucht es auch nicht.

Ob das auch in Zukunft so bleiben wird? Akis hat eine klare Meinung:

Ein Blick aus dem Fenster und in die Zukunft. Wie wird es wohl mit dem Kafeneion weitergehen?
Ein Blick aus dem Fenster und in die Zukunft. Wie wird es wohl mit dem Kafeneion weitergehen?
„Wir haben 1955 eröffnet und waren seitdem 365 Tage im Jahr hier, egal, was war! Inzwischen ist es nicht mehr einfach, das Kafeneion zu halten, doch solange ich lebe, werde ich hier sein. Ich habe eine Tochter, und sie kann frei entscheiden, ob sie es einmal übernehmen wird. Da mische ich mich nicht ein. Ich habe auch ein paar Jahre auf Kreta gelebt und selbst entschieden, dann hier im Kafeneion zu arbeiten. Sie soll ihr Leben so gestalten wie sie will.“

Das Kafeneion- ein wichtiger Teil der griechischen Kultur – und auch für mich ein ganz besonderes Gefühl von Gemeinschaft, das ich so nur aus Griechenland kenne.



 
 
 

Kommentare

Mit 0 von 5 Sternen bewertet.
Noch keine Ratings

Rating hinzufügen
bottom of page